16. Juli 2026

Von links nach rechts: Andreas Weinhold (Bildungspartner NRW), Stadtarchivarin Gabriele Vonstein, Geschichtslehrerin
Stefanie Menneken, Schülerinnen der Geschichts-AG des CMG, Bürgermeister Matthias Koch und Schulleiter Ralf Trachternach Foto: Stadtarchiv

Andreas Weinhold von Bildung NRW übergibt Lea Kotthoff die Urkunde zur Preisverleihung. Foto: Stadtarchiv

Schülerinnen erforschen Marsberger NS-Geschichte im Stadtarchiv und gewinnen Wettbewerb „Kooperation. Konkret.“ von Bildungspartner NRW
Marsberg. Geschichte lebendig machen, Verantwortung übernehmen und die Vergangenheit vor Ort erforschen: Für dieses besondere Engagement wurde die Geschichts-AG des Carolus-Magnus-Gymnasiums Marsberg gemeinsam mit dem Stadtarchiv Marsberg mit dem Preis „Kooperation. Konkret.“ ausgezeichnet. Der Wettbewerb von Bildungspartner NRW würdigt beispielhafte Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partnern.
Am 9. Juli 2026 überreichte Andreas Weinhold von Bildungspartner NRW im Auftrag des Ministeriums für Schule und Bildung Nordrhein-Westfalen den mit 1.000 Euro dotierten Preis im Stadtarchiv Marsberg. Ausgezeichnet wurde der Wettbewerbsbeitrag „Vergessene Opfer der NS-Diktatur – ,Euthanasie‘ und Zwangssterilisation im ländlichen Sauerland“.
Die Grundlage für die erfolgreiche Zusammenarbeit wurde bereits im Frühjahr 2024 gelegt. Auf Initiative der Geschichtslehrerin Stefanie Menneken und der Stadtarchivarin Gabriele Vonstein schlossen das Carolus-Magnus-Gymnasium und das Stadtarchiv Marsberg einen Kooperationsvertrag. Ziel war es, Schülerinnen und Schülern durch die Arbeit mit originalen Quellen einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte zu ermöglichen und ihnen die Arbeitsweise von Historikerinnen und Historikern näherzubringen.
In der freiwilligen Geschichts-AG erforschten die Schülerinnen zunächst verschiedene Aspekte der Marsberger Vergangenheit. Dabei arbeiteten sie mit historischen Dokumenten und Archivalien und beschäftigten sich unter anderem mit der Nachkriegszeit, der Wohnsituation, der Unterbringung von Flüchtlingen und der Versorgungslage nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im weiteren Verlauf ihrer Arbeit stießen die Schülerinnen auf ein besonders bewegendes Kapitel der Stadtgeschichte: die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen und Zwangssterilisationen. Die damalige Provinzial-Heilanstalt Marsberg spielte in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. Von hier aus wurden zahlreiche Menschen in Tötungsanstalten deportiert. Auch in der sogenannten „Kinderfachabteilung“ wurden Kinder Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen.
Für die Schülerinnen war schnell klar, dass diese Menschen nicht vergessen werden dürfen. Sie setzten sich intensiv mit den Biografien der Opfer auseinander und machten ihre Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Ein Höhepunkt war die Organisation der Wanderausstellung „Lebensunwert – zerstörte Leben“, die 2025 im Carolus-Magnus-Gymnasium gezeigt wurde. Ergänzt wurde die Ausstellung durch einen öffentlichen Vortrag von Michael Filthaut zum Thema „Euthanasie und
Zwangssterilisation im ländlichen Sauerland“.
Während der Ausstellung begleiteten die Schülerinnen die Besucherinnen und Besucher, beantworteten Fragen und stellten eigene Forschungsergebnisse vor. Besonders eindrucksvoll war die Aufarbeitung des Schicksals von Inge Streerath, die als Patientin in den Marsberger Anstalten behandelt wurde und später Opfer der NS-„Euthanasie“ wurde. Hierzu entwickelten die Schülerinnen eine eigene Audiodatei, die ihre Lebensgeschichte anschaulich vermittelt.
Die Jury von „Kooperation. Konkret.“ zeigte sich besonders beeindruckt von der nachhaltigen Wirkung des Projektes. In ihrer Begründung hob sie hervor, dass die Schülerinnen „Lokalgeschichte sichtbar und greifbar“ gemacht hätten. Besonders gewürdigt wurden die eigenständige Recherche, die Organisation und Betreuung der Ausstellung, die multimedialen Beiträge sowie die Beteiligung an mehreren Folgen des Podcasts „Unvergessen“.
Die Jury fasste ihre Anerkennung zusammen: „Ein Projekt mit Herzblut.“
Bei der Preisübergabe betonte Andreas Weinhold vom Bildungspartner NRW im Auftrag des Ministeriums für Schule und Bildung Nordrhein-Westfalen, dass es in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich sei, Freizeit zu nutzen, um sich intensiv mit der Geschichte vor Ort auseinanderzusetzen. Die Schülerinnen hätten mit ihrem Engagement gezeigt, wie wichtig Erinnerungskultur und historisches Lernen seien.
Auch Schulleiter Ralf Trachternach und Bürgermeister Matthias Koch zeigten sich beeindruckt vom Engagement der Schülerinnen. Beide betonten, wie stolz sie auf die besondere Leistung der Geschichts-AG seien. Mit ihrer Arbeit hätten die Schülerinnen eindrucksvoll gezeigt, welchen Wert außerschulisches Lernen, eigenständige Recherche und die Auseinandersetzung mit der eigenen Stadtgeschichte haben.
Die Schülerinnen selbst bringen ihre Erfahrung auf den Punkt: „Im Archiv ist Geschichte zum Anfassen.“ Die Arbeit mit den Originalquellen habe ihnen gezeigt, dass Geschichte nicht nur in Büchern zu finden sei – sondern direkt vor der eigenen Haustür.
Geschichtslehrerin Stefanie Menneken und Stadtarchivarin Gabriele Vonstein blicken bereits nach vorne. Weitere Projekte sind für das kommende Schuljahr geplant. Der Erfolg der Geschichts-AG zeigt bereits Wirkung: Das Stadtarchiv wird zunehmend von Schülerinnen und Schülern für Facharbeiten genutzt. Die Begeisterung für die historische Forschung wächst weiter.